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Till Bödeker: CHE$$
Weiden Space
22.–31. Dezember 2023

kuratiert von Maxi Lorenz

„Chess speaks for itself“, sagt Hans Niemann trocken und geht. Zuvor hatte er beim FTX Crypto Cup 2022 als am niedrigsten eingestufter Schachspieler gegen den damaligen Weltmeister Magnus Carlsen gewonnen. Niemanns vernichtender Sieg verblüffte die Schachwelt. Es wurden Vorwürfe laut, Niemann habe sich mittels vibrierender Analkugeln einen unfairen Vorteil verschafft.[1]

Till Bödeker zitiert dieses denkwürdige Ereignis in einem Parfüm-Werbespot, der Teil seiner Ausstellung CHE$$ im Kunstraum Weiden Space ist. Im Mittelpunkt steht ein Parfüm namens CHESS. Es wird zum Verkauf angeboten und kann vor Ort oder online erworben werden. „CHESS Smells For Itself“ lautet der Slogan, demzufolge mit dem Duft des Parfüms bereits alles gesagt ist. Aber wonach riecht Schach? Nach nervösen Männern, Zigaretten und Kaffee? So jedenfalls nicht, die BesucherInnen der Ausstellung äußern unterschiedliche Eindrücke: Für manche riecht der Duft „animalisch“, für andere nach „dunklen Klostergängen“. Sein Geruch scheint schwer zu fassen zu sein. Mehr noch als bei der visuellen Kunst ist die olfaktorische Erfahrung sehr subjektiv.

Zwischen Kunstausstellung und Werbeevent

Beim Betreten des Raumes fällt der Blick unweigerlich auf den riesigen, schwarzen Schriftzug CHE$$, vor dem sich Parfümverpackungen zu einer Pyramide aufbauen. Der Duft des Parfüms erfüllt die gesamte Ausstellung.  Auf das Schaufensterglas werden schwarz-weiße Werbevideos projiziert. Sie laufen in Endlosschleife und zeigen mal eine schwarze Katze, mal ein kleines Mädchen beim Eingießen von einem Glas Milch.  Untermalt von dramatischer Musik, flüstert eine Frauenstimme die Worte „BLACK“, „WHITE“, „SCHWARZ“ oder „WEIß“. Sie erscheinen abwechselnd mit jedem Szenenwechsel in großen Lettern. Jeder Werbespot endet mit einem Auszug aus dem Interview des Enfant terrible der Schachwelt, Hans Niemann, der hier zum Markenbotschafter wird: „Chess speaks for itself. Bödeker fügt eine KI-generierte Stimme hinzu und lässt so den verblüfften Journalisten fragen, ob Niemann wirklich niemals wieder ein anderes Parfum tragen würde. Niemann, bereits davoneilend, gibt keine Antwort auf diese Frage. Niemann trägt nie etwas anderes.

Der Verkauf von CHESS ist konzeptioneller Bestandteil der Ausstellung. Kauft man ein Parfüm, zieht Bödeker einen Laborkittel an, und beginnt, die schwarzen Flakons auf einem Servierwagen zu befüllen. Der Geruch wird intensiver. Im hinteren Teil des Ausstellungsraumes finden sich bereits abgefüllte Parfümflaschen. Aufgereiht stehen sie auf einem langen, schmalen Podest, das mit schwarzem samtigem Stoff bedeckt ist. Die durchsichtigen Kronen der Deckel erinnern an die Schachfigur der Königin. Sie ist die mächtigste Figur im Schach. Von hellen LED-Scheinwerfern beleuchtet, wirft die Installation dunkle Schatten. Bödeker zufolge soll der schmale Präsentiertisch an das Fließband einer Serienfertigung erinnern.

Die Einzelteile des Flakons ließ Bödeker in verschiedenen Manufakturen herstellen, ein Prozess, auf den die Ausstellung immer wieder hindeutet. Ein Beispiel hierfür ist ein 3D-Drucker, der auf das Fertigungsverfahren der Deckel verweist. Auch findet sich an einer Wand ein kleiner, CNC-gefräster Metallstempel, der zur Prägung der Eau-de-Till-Plaketten diente. Auf jeder Plakette steht groß „CHESS“.

Schach + Parfüm = CHESS

Die Verknüpfung von Schach und Parfüm bildet den Kern von Bödekers Arbeit.  CHESS ist eine Kombination zweier grundverschiedener Sphären – dem strategischen Schachspiel und der sinnlichen Welt der Düfte. Innerhalb der Werbung für das Parfüm wird Schach jedoch primär zu einer Ästhetik, die in abstrakter Weise mit dem eigentlichen Duft des Parfüms korreliert.

Die Verbindung von Parfüm und Schach lässt sich auch als eine Hommage an Marcel Duchamp begreifen, der die Kunstwelt verließ, um sich ganz seiner Schachkarriere zu widmen. Bödeker spielt auf Duchamps einzig erhaltenes assisted Readymade namens Belle Haleine: Eau de Voilette (1920-1921) an. Belle Haleine steht in einer Reihe von Readymades, deren Konzept Duchamps konsequente Ablehnung des traditionellen Kunstbegriffs verdeutlicht. Duchamp verwendete ein Parfümflakon, versehen mit einem Etikett, welches die Gestalt seines weiblichen Alter Egos, Rrose Sélavy abgebildet.[2]

"CHESS Smells For Itself"

Der Duft von CHESS fungiert in der Ausstellung als ein sinnlicher Fixpunkt. Er ist das Ergebnis eines Kombinationsspiels verschiedener Duftstoffe und muss erfahren werden. Die genaue Beschaffenheit des Duftes (eine Kombination aus Weihrauch-, Ylang-Ylang- und Pfefferminzöl) spielt im Konzept eine untergeordnete Rolle. Der Künstler betont, dass das Parfüm nicht danach strebt, nach etwas anderem zu riechen als nach sich selbst. CHESS rieche nach dem Parfüm CHESS und wird so zu seiner eigenen Referenz. Der Slogan „CHESS Smells For Itself“ drückt demnach zusammenfassend aus, dass sich CHESS von seiner ursprünglichen Referenz, dem Schachspiel, emanzipiert und seine eigene Bedeutung als Marke und Kunstwerk schafft.

Zwischen Kunst und Konsum

Bödeker verwandelt mit CHESS einen Gegenstand aus der Sphäre unseres Alltags in ein Kunstobjekt. Das wirft die Frage auf, ob das Parfum überhaupt benutzt werden soll. Hier entsteht ein Dilemma. Zunächst kann das Kunstwerk nur dann vollständig erfahren werden, wenn auch sein Duft wahrgenommen wird. Da das Parfüm erst zur Geltung kommt, wenn es aufgesprüht wird, und wir Gerüche nicht gezielt aus unserem Gedächtnis abrufen können, muss das Parfüm immer wieder verwendet werden. Dies ist zwangsläufig damit verbunden, es wie ein Konsumprodukt zu verbrauchen. CHESS ist, je nach Betrachtungsweise, Kunstobjekt als auch Konsumprodukt, das in einem Objekt vereint, jedoch nie beides zugleich ist.

Diese Dualität von CHESS erinnert an Andy Warhols Brillo-Boxes (1964). Bei diesen handelt es sich um Reproduktionen von kommerziellen Verpackungen. Warhol verkaufte sie zahlreich an Kunstsammler und Museen, wodurch sie in einem bestimmten Sinne erneut zu Massenkonsumgütern wurden. Der Philosoph Arthur C. Danto betrachtet Warhols Brillo-Boxen als Wendepunkt in der Kunsttheorie. Danto zufolge verdeutlicht Warhol, dass zwei identisch aussehende Objekte unterschiedlich bewertet werden können, nämlich als Kunst oder Nicht-Kunst. Etwas, dass sich auch auf CHESS übertragen lässt.

Bödeker, von den Brillo-Boxen inspiriert, greift diese Debatte auf, und verweist auf Warhol in dem er die Parfümverpackungen zu einer Pyramide stapelt. Im Gegensatz zu Warhol kreiert er jedoch seine eigene Marke: CHESS by Eau de Till. Auf der Verpackung wird das Dilemma – ist es ein Kunstobjekt oder Konsumprodukt? – pointiert. Ein Warnhinweis behauptet: „THIS IS NOT A PERFUME! IT IS A WORK OF ART. DO NOT USE IT!” Eine Gebrauchsanweisung zur Benutzung findet sich gleich darunter. So oszilliert CHESS im Spannungsfeld zwischen Kunst und Konsumprodukt.